Coworking · Future of Work

Wie wir arbeiten werden – Thesen für den Arbeitsplatz der Zukunft

Den klassischen Arbeitsplatz, den gibt es immer noch. Wer es nicht glaubt, kann zur Not einfach mal einen Blick in die Stromberg-Wiederholungen im TV werfen. Buchefarbene Schreibtische, vollgestellt mit TFT-Monitoren, Kaffeetassen, Bilderrahmen. Zwischendrin das ein oder andere Einblatt und das Telefon angeschraubt und auf dem Schwenkarm höher gelegt, damit es beim schwungvollen Verschieben zum gegenübersitzenden Kollegen nicht mit dem Aktenstapel kollidiert.

Es gibt ihn noch, diesen Arbeitsplatz, aber er wird immer seltener. Für alle Beteiligten zum Glück. Denn dass diese Form der Arbeit gesundheitsschädlich, ineffektiv und zu Lasten von Arbeitnehmern und Arbeitgebern geht, hat sich zwischenzeitlich bis zum kleinsten Betrieb herumgesprochen.

Um Arbeit vom Status „erträglich“ zum Status „angenehm“ zu transformieren bedarf es aber nicht nur des von oben verordneten Teambuildings, des Kickertisches im Flur oder des aufblasbaren Sitzballs. Viel mehr muss sich der Arbeitnehmer im Rahmen des Möglichen seinen Arbeitsplatz so organisieren können, wie es für ihn notwendig ist. Nicht die Sitzgelegenheit oder die Heizungssteuerung, sondern für Unternehmen viel einschneidender: Es geht um die Faktoren Ort und Zeit und Flexibilität.

Vergessen Sie die Worklifebalance

Worklifebalance ist längst überholt. Worklifebalance erfordert von allen Beteiligten, einen krassen Schnitt zu machen zwischen Arbeitsleben und Privatleben. Beide soll der Arbeitnehmer in eine Waagschale werfen und selbst die richtige Balance finden. Einfach nur genug Ausgleich und Zeit für das Privatleben neben dem Job. Aus Arbeitgebersicht hinlänglich bekannt als verordnete Erholungspause zwischen zwei Nine-to-five-Arbeitsschichten.

Damit muss Schluss sein. Sowohl mit der festen oder flexiblen Arbeitszeit als auch mit gesetzlich verankerten Pausenzeiten. Und natürlich mit der Sicht des Arbeitgebers auf den Arbeitnehmer. Bloße Anwesenheit ist ja nun wahrlich kein Garant für geleistete Arbeit.

An keinem anderen Ort verbringen Arbeitnehmer so viel Zeit, wie an ihrem Arbeitsplatz. Nicht daheim, nicht mal im Bett. Nicht bei der Verrichtung von Hobbies, auch nicht vor dem Fernseher oder am Smartphone. Und wenn wir schon so viel Zeit am Schreibtisch verbringen, warum sollten wir uns dann nicht so viel Freiheit heraus nehmen und Arbeits- und Privatleben in einen flexiblen Einklang bringen?

Viel wurde in den letzten Jahren darüber diskutiert, ob Mitarbeiter in ihrer Freizeit erreichbar sein müssen; im Urlaub, am Wochenende. Firmen haben den Zugang zu Mail-Accounts außerhalb der Bürozeiten zwanghaft unterbunden und damit Mitarbeiter ganz bewusst die Möglichkeit genommen, dann zu arbeiten, wann sie wollen. Noch so eine Bevormundung.

Zum Glück ist dieser wenig verbreitete, aber viel diskutierte Unsinn inzwischen nahezu überall wieder Geschichte. Aber an vielen anderen Baustellen müssen Unternehmen und Wissensarbeiter immer noch kämpfen. Kämpfen für den Worklifeflow, für die sinnvolle Verbindung von Aufgabe im Unternehmen (Aufgabe, nicht Arbeit!) und dem, was man allenthalben unter dem Begriff „Privatleben“ versteht, den aber doch jeder für sich selbst ganz subjektiv interpretiert.

Unternehmen und Unternehmer müssen (im Rahmen der Möglichkeiten) die Voraussetzungen schaffen, die es ermöglichen, dass Arbeitnehmer tun und lassen können, was sie zur Erledigung ihrer betrieblichen Aufgabe benötigen.

Ein Schreibtisch ist ein Arbeitsplatz. Ein Sofa auch.

In der Zukunft wird es den klassischen Stromberg-Arbeitsplatz nicht mehr geben. Der Arbeitsplatz der Zukunft ist schon allein im Unternehmen selbst mobil. Dank Handy und Notebook ist der Mitarbeiter nicht mehr an „seinen“ Schreibtisch gebunden. Das Telefon benötigt genauso wenig eine Bindung an die Steckdose in der Wand, wie der Computer. Da liegt es nahe, dass Mitarbeiter projektbezogen auch örtlich zusammen arbeiten – temporär nebeneinander am Schreibtisch, genauso im Besprechungsraum oder in der chilligen Lounge. Microsoft hat es vorgemacht; es gibt keine festen Schreibtische mehr, dafür jeder Menge unterschiedlicher Raumsituationen: Vom Café über den Ruhebereich bis hin zur Telefonzelle.

Und wenn sich schon der Schreibtischarbeitsplatz im Büro in Wohlgefallen auflöst, warum dann nicht auch die Beschränkung auf einen bestimmten Ort? Je nach Aufgabe gesteht man es heute schon einzelnen Berufsgruppen zu, unterwegs (oder an ihrem Wunschort) der eigenen Aufgabe nachzugehen. Niemand käme (heute) auf die Idee, einen Vertriebsmitarbeiter zur Anwesenheit zu verpflichten. Kundenkontakte können viel besser unterwegs gepflegt werden, genauso wie Daten im CRM. Pendler nutzen das Auto, um die ersten Telefonate zu führen. Sind Sie schon mal mit dem Abend-ICE von Brüssel nach Frankfurt gefahren? Himmlische Ruhe, weil alle die Zeit nutzen und den vergangenen Tag am Notebook nach- oder den kommenden Tag vorbereiten.

Und warum beschränken Unternehmen diese Freiheiten immer noch auf bestimmte Berufsgruppen? Warum dürfen Mütter nicht abends arbeiten, wenn sie möchten (und die Kinder im Bett sind) ? Warum darf der Sportler den Tag am Schreibtisch nicht für ein paar Stunden unterbrechen, weil es im Gym gerade nicht so voll ist? Warum darf der Pendler nicht daheim arbeiten, wenn er damit den Stau vermeiden kann? Warum darf der Kaffee-Junkie seinen Arbeitstag nicht bei Starbucks verbringen? Warum darf der Netzwerker nicht im Coworking-Space seiner Aufgabe nachgehen?

Unternehmen müssen (und werden) die starren Regelungen der Zeit- und Ortsbindung mittelfristig aufheben, um Mitarbeiter den Einklang von Privat- und Arbeitsleben selbst gestalten zu lassen. Immer da, wo es organisatorisch möglich ist und wo Mitarbeiter die Fähigkeiten mitbringen, mit diesen Freiheiten auch umzugehen. Aber auch das ist im schlimmsten Fall nur Übungssache. Auch an Freiheiten muss man sich erst einmal gewöhnen.

Unternehmen in der Wolke

Die organisatorischen Voraussetzungen für freie Wahl von Arbeitsplatz und Arbeitszeit werden unbewusst immer weiter voran getrieben. Mehr und mehr verlagern Unternehmen alle wissensbasierten Aufgaben in die Cloud. Software wird nicht mehr als Programm installiert, sondern als App herunter geladen oder direkt im Browser genutzt. Telefonie läuft über das Handynetz oder als Voice-over-IP-Applikation im Internet. Skype, immer noch zu Unrecht in vielen deutschen Unternehmen verpönt, hält mehr und mehr Einzug. Video- und VoIP-Telefonie finden ebenso in der Cloud statt.

Die Finanzbuchhaltung, CRM, ERP, Verwaltung, Helpdesk, innerbetriebliche Kommunikation. Im Grunde genommen finden alle Unternehmensanwendungen inzwischen ihren Weg in die Cloud und machen damit erst die Arbeit unabhängig von Zeit und Ort möglich.

Arbeit wird gesünder

Eigentlich ist die Formel – und damit die Lösung des Problems – ganz einfach. Wen ich für acht oder neun Stunden an einen Schreibtischstuhl zwinge, der kann sich nicht genug bewegen, der kann keinen Ausgleich finden. Unzählige Arbeitsmediziner legen Regeln fest, wie weit der Monitor vom Kopf entfernt sein muss, wie flexibel oder starr die Rückenlehne des Stuhls zu sein hat, wie häufig man nach draußen in die Ferne starren soll, um die Augen nicht zu sehr zu belasten. Die wenigsten sagen: Lasst die Arbeitnehmer so arbeiten, wie sie wollen. Im Stehen, im Liegen, im Knien. Lasst sie Pausen einlegen, so viele sie benötigen, lasst sie auf dem Laufband telefonieren, lasst sich doch einfach mal …

An der Telefonkonferenz kann ich auch während eines Waldspaziergangs teilnehmen. Die Besprechung kann auch im Stehen stattfinden. Und wenn mir danach ist, dann setze ich mich zur Konzeptionsarbeit auf das heimische Sofa oder in den nächsten Starbucks. Mehr Flexibilität führt zu mehr Bewegung. Und mehr Bewegung macht gesund – körperlich und geistig.

Arbeit wird verantwortungsvoller

Freilich. Das geht alles nur, wenn alle Beteiligten mitspielen. Nicht jede Aufgabe in Unternehmen ist für vollkommene Flexibilität geeignet. Auch bei Wissensarbeitern nicht. Der Kundenservice kann nicht uneingeschränkt out of office wirken, genauso wenig wie die vollkommene Freiheit für Auszubildende geeignet ist.

Aber es ist in vielen Bereichen möglich, die Beschränkungen zu lockern, die Arbeitnehmer von Seiten der Betriebsräte, Gesetzgeber und Unternehmern einzuschränken. In allen Bereichen ist mehr Verantwortungsbewusstsein gefordert. Gesetzgeber und Betriebsräte müssen sich der Lebensrealität anpassen (nicht umgekehrt). Unternehmer müssen erkennen, dass nur glückliche und zufriedene Mitarbeiter Aufgaben angehen, statt Arbeitszeit abzusitzen. Und Mitarbeiter müssen verinnerlichen, dass sich Arbeit, Aufgaben und Privatleben schon lange nicht mehr säuberlich trennen lassen, dass viel Flexibilität auch viel Verantwortung für Kunden, Kollegen und das eigene Unternehmen mit sich bringt. Wenn Arbeitnehmer sich mehr Verantwortung wünschen, dann müssen sie sie tragen. Letztlich auch die Verantwortung für den eigenen Arbeitsplatz.

Der Arbeitsplatz vor dem Umbruch

Der ideale Arbeitsplatz der Zukunft orientiert sich nicht mehr an Arbeitsorten und Arbeitszeiten. Der ideale Arbeitsplatz orientiert sich an der Balance zwischen den Anforderungen der Mitarbeiter und den betrieblichen Belangen. Wobei das Humankapital und Humanvermögen immer an erster Stelle stehen sollte. Auch dann, wenn die Arbeit im Begriff Worklifeflow an erster Stelle steht. Aber seien wir ehrlich: Für Mitarbeiter, die eine Aufgabe gefunden haben und nicht nur einen Arbeitsplatz, steht die Arbeit sowieso häufig an erster Stelle. Und Unternehmen und Unternehmer können dazu einen entscheidenden Beitrag leisten: wenn sie möglich machen. Einfach mal möglich machen!

Dieser Artikel ist unter dem Titel „Thesen für den Arbeitsplatz der Zukunft“ zuerst im cnsult.io-Magazin erschienen.

Tobias Kollewe ist Gründer und Geschäftsführer des CoworkingCampus, Unternehmensberater mit Fokus Coworking und Flexibles Arbeiten bei cnsult.io und Vorstandsmitglied im Bundesverband Coworking Deutschland.

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